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Glasnost in München

Die Sarrazin-Debatte bleibt am Köcheln. So fand am gestrigen Montag in München die Podiumsdiskussion „Sarrazin lesen“ statt, veranstaltet von der Zeitschrift Sezession. Unter der Moderation von Felix Menzel sinnierten Götz Kubitschek und der Kulturjournalist Alexander Kissler, regelmäßiger Autor der Zeitschrift „Eigentümlich frei“, über den Stand der Sarrazin-Debatte und die Lage der Nation. Neben diesen beiden dezidiert konservativ resp. liberalen Diskutanten wurde laut Menzel auch vergeblich versucht, einen ausgewiesenen „Linken“ für eine Teilnahme zu gewinnen, jedoch trotz einem Dutzend Anfragen erfolglos. So waren an diesem Abend also die „Rechten“ und „Freisinnigen“ unter sich. Linke fanden sich nicht einmal zur üblichen „Berahmung“ vor dem Eingang, was damit zusammenhängen dürfte, dass die Veranstaltung den Sezessions-Abonnenten erst eine Woche, dem sonstigen Publikum gar erst einen Tag im Voraus bekannt gegeben wurde. So konnten die anti-Faschisten zwar noch Kenntnis nehmen, zu einer Präsenz oder gar einem Angriff auf die Meinungsfreiheit reichte es jedoch nicht mehr, womöglich auch, weil die meisten der edlen AktivistInnen sich noch von ihrem Wochenend-Rausch erholen mussten.

Daher fanden sich dann auch die etwa 80 Interessenten in einer ruhigen und gemütlichen Atmosphäre in dem kleinen Seminarraum im Münchner Gasteig ein, und viel mehr hätten es auch nicht sein dürfen, denn es waren fast alle Plätze belegt. Die Veranstalter hatten genau richtig kalkuliert. Neben einigen bekannten Gesichtern von PI war durchaus auch noch andere publizistische Prominenz anwesend, so dass wir wohl (hoffentlich) noch mit einigen Berichten rechnen dürfen. Da bis dato aber noch nichts erschienen ist, möchte ich hier schon mal einen kleinen Vorgeschmack abliefern. Ich habe erst sehr kurzfristig von der Veranstaltung erfahren, und habe mir auch keine Notizen gemacht, daher kann ich auch nur einen groben Abriss geben.

Die PI-Leute hatten wohl geplant die ganze etwa 100-minütige Diskussion auf Film aufzunehmen, das wollten die Veranstalter aber nicht, was man auch gut nachvollziehen kann. Schließlich reicht heute ja schon ein unüberlegtes Wort, ein falscher Halbsatz, welcher auf Youtube veröffentlicht, als Waffe gegen einen verwendet werden kann. Auch Fotografieren war nicht gestattet, alleine die Sezession hatte mit einem oder zwei Fotografen für die bildliche Dokumentation gesorgt. Bleibt abzuwarten, wie lange es somit dauert, bis PI Bildmaterial für einen evtl. ausführlicheren Bericht bekommt, und ob sie überhaupt einen bringen werden. Denn weder Israel, noch „Die Freiheit“ waren auch nur ansatzweise ein Thema. 😉

Um damit gleich einmal auf das Inhaltliche überzuleiten: Nein, weder „Die Freiheit“, noch eine andere politische Kraft wurden von den Diskutanten zur Sprache gebracht. Es war durchaus eine Frage, ob die düstere Entwicklung, die uns Thilo Sarrazin aufzeigt, irgendwie positiv beeinflusst werden könne, ob „das Ruder noch einmal herumgerissen werden kann“, doch hier wollte keiner der Referenten eine eindeutige Prognose abgeben, geschweige denn eine derzeitig wurstelnde Partei als möglichen Rettungsanker sehen. Kissler, nicht ganz so sehr in rechtem Pessimismus verhaftet, konnte nicht sagen, wohin die Reise gehe, und ob die Visionen Sarrazins und auch vieler Rechter überhaupt so düster ausfallen müssten. Er erinnerte mich damit ein wenig an Henryk Broder, der ja auch immer etwas provokativ meint, er fände es nicht schlimm, dass sich Deutschland abschaffe. Auch vertrat Kissler, als FAZ und Focus-Mitarbeiter im laufenden Medienbetrieb fest verhaftet, die Ansicht, die Meinungsfreiheit sei in Deutschland ja noch ausreichend gegeben.

Dem widersprach Götz Kubitschek, und die Themen Meinungsfreiheit, Debattenkultur und das Auseinanderklaffen zwischen privater, öffentlicher und veröffentlichter Meinung waren auch die beherrschenden des Abends. Die Hauptthese Kubitscheks war jene, dass erst einmal die derzeitigen Mechanismen der Meinungsbildung aufgebrochen werden müssten und sich das mediale und gesellschaftliche Klima in Bezug auf freie Meinungsäußerungen ändern müsse. Er verglich den Prozess mit der Entwicklung von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion Ende der achtziger Jahre: Zuerst einmal müsse es Glasnost, also „Öffnung“, wahre Presse- und Informationsfreiheit geben. Erst dann könne eine Perestroika, also eine Umwandlung von statten gehen. Durch wen oder was diese Veränderungen dann vollzogen würden, ließ Kubitschek offen, es sei nur sicher, dass die derzeitig Handelnden es nicht sein könnten.

Sarrazin war nach Kubitscheks Auffassung einem entscheidenden Irrtum unterlegen: Er wollte den zweiten Schritt vor dem ersten gehen, d.h. er sei fälschlicherweise davon ausgegangen, dass in der BRD Meinungsfreiheit herrsche, und wollte deshalb schon zur Problemlösung übergehen. Die Sarrazin-Debatte, also die (nicht erfolgreiche) Kampagne der Medien und Politik gegen den Autor, habe aber deutlich gemacht, dass erst einmal eine Meinungsfreiheit hergestellt werden müsse. Hier mutmaßte Kubitschek, dass dies auch das Thema von Sarrazins nächstem Buch sein werde, sofern er denn eines schreiben wird. Mir persönlich stellt sich hier die Frage, wie die Medien denn über sich selbst reflektieren sollen, und die derzeitige praktische Gleichschaltung sich aus sich selbst heraus denn auflösen könnte?

Insgesamt ein höchst interessanter und anregender Abend, man kann nur hoffen, dass dies Schule macht. Da „Polit-Talk“ im Fernsehen, zumindest für mich, überwiegend unansehbar ist, giere ich und sicherlich auch viele andere nach solchen Veranstaltungen, wo ohne Rücksichtnahme auf politische Korrektheiten ungeschminkte Wahrheiten ausgesprochen werden. Vielleicht wäre dies etwas, was die Sezession nach dem bedauernswerten Zurückfahren ihres Netz-Tagebuchs etwas mehr fokussieren könnte.

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  1. 18. Januar 2011 um 19:44

    „Die Sarrazin-Debatte, also die (nicht erfolgreiche) Kampagne der Medien und Politik gegen den Autor“

    Können wir sicher sein, daß nicht noch eine hinterhältige Folgekampagne gegen Thilo Sarrazin kommt?

  2. blacksun87
    18. Januar 2011 um 20:30

    Wenn ich das gewusst hätte, wär ich dort auch noch hin.

    Ich war je grad in München auf dem Verwaltungsgericht , weil mein KV die Uni-München verklagt hatte. (Sie wollten ihn nicht studieren lassen..) Peinlicher Auftritt der Uni Verteidiger! Aber auch hier keine Linken… außer ein Antifa Fotograf… naja sie wussten das wir gewinnen!

    Ich hab erst daheim bei meinen Emails mitbekommen das dort ja noch diese Diskussionsrunde war…. da wollt ich nicht extra nochmal hinfahrn.

    • 18. Januar 2011 um 20:45

      Der Kollege Grafenwalder informiert Dich nachträglich.-)

      • blacksun87
        18. Januar 2011 um 20:58

        Live is Live 😀

      • Grafenwalder
        18. Januar 2011 um 21:02

        Die Veranstaltung wurde immerhin sowohl auf EF-Magazin, als auch auf Sezession.de angekündigt, und beide Seiten sind ja entweder hier oder beim geschätzten Kollegen Niekisch direkt verlinkt. Eine redundante Meldung auf dieser Seite hielt ich nicht auch noch für nötig. 🙂 Es wurde genügend angekündigt, wenn auch extrem kurzfristig.

      • blacksun87
        18. Januar 2011 um 21:18

        Das kann schon sein aber ich schau nicht überall nach 😉

        Und die Email hab ich erst gelesen als ich wieda daheim war ^^

  3. blacksun87
    19. Januar 2011 um 01:31

    Du kannst alles wieder löschen was nicht zum Thema gehört ^^

    • Grafenwalder
      19. Januar 2011 um 01:42

      Ich habe nun etwas zurückgestutzt. also nicht wundern, wenn einige Kommentare fehlen. Diese hatten alle nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun.

  4. blacksun87
    19. Januar 2011 um 20:41

    Dieser Bericht ist besser als der vom Merkur gestern:

    leider wird hier auch nicht erwähnt das er wegen dem Gefängnisaufenthalb in der Psychiatrie war.

    NPD-Kreisvorsitzender klagt sich in die Uni

    http://www.wochenblatt.de/nachrichten/freising/regionales/NPD-Kreisvorsitzender-klagt-sich-in-die-Uni;art1178,30188

    • mm...
      19. Januar 2011 um 23:44

      Ist Jura etwa nicht mehr NC-pflichtig? Obwohl, mit fast 40 hat er (dein „KV“) ja auf jeden Fall genügend Wartesemester gesammelt, da könnte es ja auch so klappen. In diesem Sinne: toi, toi, toi!

  5. blacksun87
    20. Januar 2011 um 19:08
  1. 15. Februar 2011 um 23:19

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